-Beiboot der Bounty-, historischer Kutter

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Dieses Modell war ein typischer ´Spontankauf´! Ich hatte also gar nicht die Absicht mir dieses Boot anzuschaffen, aber als ich es in meinem ´Modellbauladen des Vertrauens´ liegen sah und den Titel Beiboot der Bounty las, konnte ich gar nicht anders... Erst später sollte sich herausstellen, was ich da eigentlich gekauft hatte.

Es handelt sich um einen Komplettbausatz der spanischen Firma Artesania Latina , die einige Schiffe, Puppenstuben, Minidioramen uns andere Modelle aus Holz im Programm hat. Ich habe bereits eine Schoner-Brigg von Artesania gebaut und war recht zufrieden gewesen. Laut Packungsbeschriftung handelt es sich hier also um die Jolle, mit der Capitän Bligh mit weiteren 18 ihm loyalen Besatzungsmitgliedern die berühmte Seereise von 3600 Seemeilen vom Ort der Meuterei bis nach Timor gemacht hat. Eine seemännische Leistung, für die er heute noch gerühmt wird. Schon kurz nach dem Kauf merkte ich, daß hier etwas nicht stimmte...

Den Spaniern sind hier gleich mehrere grobe historische Patzer passiert! Als Referenz dient mir in Sachen Bounty seit vielen Jahren das entsprechende Buch aus der Reihe "Anatomy of the Ship"! In Sachen Bounty sicher das Beste was auf dem Markt zu haben ist. Wenn man sich ausserdem ein wenig mit dem Buch ´Historischer Schiffsmodellbau` vom Wolfram zu Mondfeld beschäftigt und noch ein paar Recherchen hier und dort tätigt, ergibt sich folgendes Bild:

  • es ist fraglich, ob die Bounty überhaupt mit einer Jolle ausgestattet war. Wenn ja, dann hat Kapitän Bligh sie aus Platzgründen zurückgelassen, denn er startet seine Reise ´nur´ mit der Barkasse (Launch) und dem Kutter
  • Jollen waren zur Zeit der Bounty in der Regel gar nicht mit einer Besegelung ausgestattet
  • für eine Jolle ist das Boot eigentlich ein bißchen zu groß. Vom Maßstab her dürfte es sich um einen Kutter handeln, wozu auch die Besegelung wunderbar passen würde. Bei genauerer Betrachtung der Pläne des Beiboots aus oben genanntem Buch würde ich sagen, daß es sich hier um den Kutter der Bounty handelt, oder um einen typischen Kutter aus dieser Ära.
  • das Modell ist mit einer Drehbasse ausgestattet. Diese waren auf Jollen in der Regel nicht zu finden und ich kann mir ausserdem nicht vorstellen, daß die Meuterer den Loyalen diese Waffe nebst Munition gelassen hätten
  • und der größte Patzer zum Schluß: Kapitän Bligh hat seine Reise weder mit einer Jolle noch mit einem Kutter gemacht. Er nutzte die Barkasse der Bounty, die mit zwei Masten ausgestattet war!!! Aus dem Kopf zitiert: ´...als man den Kutter zu Wasser ließ merkte man, daß er leck war (nicht ungewöhnlich für ein Beiboot). Christian befahl den Kutter wieder einzuholen und die Barkasse klar zu machen, was den Meuterern offenbar nicht gefiel...´ (Quelle leider nicht mehr gefunden)

FAZIT: dies ist NICHT die Jolle der Bounty...!!! Schade eigentlich, aber was ist es dann? Im Idealfall der Kutter der Bounty... Nur ob es sich wirklich um den Kutter des so berühmt gewordenen Mutterschiff handelt, kann nicht definitiv bewiesen werden. Witzigerweise hat aber Artesania Latina eine zweimastige Barkasse als ´Beiboot der Victory ´ im Programm, die der Barkasse der Bounty aufs Haar gleicht... Also das verstehe nun wer will!?

Aber wenn man sich nun mit den historischen Komplikationen dieses Modells abgefunden hat, kann man durchaus Freude daran haben. Das Modell ist komplett, ja es liegen sogar fertig genähte Segel(!) dabei. Der Beschlagsatz weiss mit netten kleinen Details wie einem aus Holz gedrechselten Wasserfass und einer Drehbasse aus Metallguß zu gefallen. Sämtliche Holzteile sind vorgefertigt.

Leider stellt man schnell fest, daß die beiliegenden Hölzer von einer arg minderwertigen Qualität sind. Die Leisten zur Beplankung sind spröde uns brechen leicht. Die dünneren Preßspanplatten reißen ebenfalls schnell, besonders beim Herauslösen der Einzelteile. Daß das Spantengerüst aus Sperrholz besteht, ist aus Sicht des Herstellers verständlich, aber für den Modellbauer schade, da man diese Spanten ja im fertigen Modell gut sehen kann. Und welches Originalboot hat schon Sperrholzspanten... Einige Planken sind gekrümmt vorgeschnitten und sollen die Beplankung vereinfachen. Leider sind sie in der vorliegenden Qualität nicht zu gebrauchen. Beim Bau offenbaren sich dann noch eine ganze Reihe weiterer Probleme, die das Modell wahrlich nicht Anfängerfreundlich machen.

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