Koaxial Hubschrauber -E-Sky Lama V3-

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E-Sky Lama 3, 40 MHz Edition

Modellhubschrauber sind sozusagen "die Krönung" der RC-Fliegerei. Wer einen Hubschrauber ferngesteuert kontrollieren kann, der gehört zu den besten RC Piloten. So war zumindest bisher die landläufige Meinung. Nicht nur die Steuerung, auch der sehr aufwendige Betrieb der Modelle war nicht jedermanns Sache. Modellhubschrauberpiloten waren sozusagen ein elitärer Kreis. Aber warum ist das Hubschrauberfliegen so schwierig? Das liegt daran, daß man permanent vier Funktionen auf einmal steuern muss (Schub, Gieren, Rollen, Nicken). Während ein Flächenmodell dabei relativ stabil fliegt, versucht ein Hubschrauber permanent auszubrechen und verlangt ständige Aufmerksamkeit.

Dann machte die Entwicklung von Akkus und Elektromotoren einen gewaltigen Sprung nach vorne. Zuerst tauchten in Japan, dem "Wunderland der Miniaturisierung", kleine Elektrohubschrauber auf, die man sogar in der Wohnung fliegen konnte. Jedoch waren diese immer noch sehr schwierig zu steuern. Der Durchbruch kam mit der Einführung der sogenannten "Koaxial" Helikopter. Hier drehen sich zwei Rotoren gegenläufig übereinander. Das sorgt für einen guten Drehmomentausgleich und einen recht stabilen Schwebeflug. Leichtbau in Verbindung mit den sehr leichten und leistungsfähigen LiPo-Akkus war plötzlich die Lösung, um den Hubschraubermodellflug einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Heute sind solche Koaxial-Hubschrauber als Massenproduktion im Komplettset mit Fernsteuerung, Akku und Ladegerät für ungefähr 100-200 Euro zu haben, also für jedermann erschwinglich. Damit erlebt der Modellhubschrauberflug einen regelrechten Boom.

Man kann die leichten Modelle zwar nur drinnen oder bei Windstille draussen fliegen, jedoch ist scheinbar gerade dies der Reiz dieser Modelle. Einmal herum um die Grünpflanzen, Zwischenlandung auf dem Eßzimmertisch und vorsichtig die Treppe hinauf in den ersten Stock. Koaxial Hubschrauber sind aus dem Modellflug gar nicht mehr wegzudenken, auch wenn sie selbstverständlich von den "Supercracks" als Spielzeug abgetan werden. Sie fliegen lieber weiterhin "richtige" Hubschrauber mit Heckrotor. Dabei gibt es das Koaxial-Antriebssystem auch bei echten Hubschraubern, z.B. Kamov.

DER Klassiker unter den Koaxial Modellhubschraubern ist die Lama, die es mittlerweile von verschiedenen Herstellern in unzähligen Variationen gibt. Lama, wieso Lama...?! Warum man sich ausgerechnet dieses Vorbild ausgesucht hat, kann man nur raten. Vielleicht macht es der sehr einfache Aufbau. Wer mit dem Begriff Lama nichts anfangen kann: es handelt sich um eine Version der in Europa sehr verbreiteten Alouette II mit der stärkeren Turbine der Alouette III. Das Lama war ein Exportschlager vor allem in gebirgigen Ländern. Auch heute noch sind Exemplare davon, z.B. in der Schweiz, im Einsatz. Rein äußerlich sind Lama und Alouette II für einen Laien kaum zu unterscheiden.

Eine echte Lama hat natürlich kein koaxial Rotorsystem und alleine schon deshalb kann dieser Modellhubschrauber nie vorbildgetreu sein, aber etwas Mühe hat man sich schon gegeben. Denkt man sich den oberen Rotor weg, so ist das Bild einigermaßen stimmig. Meine Lama kaufte ich bei Conrad Elektronik für schmale 79,- Euro. Das Vorweihnachtsgeschäft machte es möglich. In dem stabilen Karton befindet sich tatsächlich alles, was man zum Fliegen braucht. Und dabei ist ALLES wörtlich zu nehmen! Da ist das Modell selber, stabil verpackt (der Karton lässt sich wunderbar als Transportkiste nutzen), die Fernsteuerung, Antriebsakku, Ladegerät (220V), Ladekabel (12V), Simulatorkabel, CD mit Simulatorsoftware, einen kompletten Satz Ersatzrotorblätter, 8 Batterien für den Sender und eine umfangreiche Anleitung. Wie kann man das alles für 79,- Euro herstellen? Na, in China natürlich. Man merkt es ein wenig an der Verarbeitung, aber qualitative Katastrophen bleiben glücklicherweise aus. Und warum habe ich mich ausgerechnet für die Lama entschieden? Da das Modell nun schon seit so vielen Jahren in all seinen Varianten auf dem Markt ist, gibt es ein umfangreiches Ersatzteile- und Zubehörangebot für kleines Geld. Als Anfänger muss man ja mit dem Bedarf an Ersatzteilen rechnen, da freut man sich wenn man diese nicht allzulange suchen muss.

Beim Antriebsakku handelt es sich um einen zweizelligen LiPo Akku mit 800mAh Kapazität. Das Ladegerät dafür ist zwar kein Profiteil, aber immerhin prozessorgesteuert und mit Balancer-Anschluß für 2 oder 3 Zellige LiPos. Ein 220V Steckernetzteil oder ein 12V Ladekabel für die Autobatterie liefern den notwendigen Strom. Die Bedienung ist eigentlich idiotensicher: der Akku kann nur in einer Weise an das Ladegerät angeschlossen werden. Blinkt die LED grün, so wird der Akku geladen. Leuchtet sie dauerhaft, so ist der Akku voll. Das Befestigen des Akkus am Modell ist ein wenig fummelig, weshalb ich den Akku einfach am Modell montiert lasse und dort lade. Die Anleitung verspricht eine Ladung in ca. 50 Minuten. Bei mir dauert es aber meist doppelt so lange. Die Fernsteuerung ist von der einfachen Sorte, aber griffig und für die geforderten Belange völlig ausreichend. Ausgeliefert wird sie in Mode 2, aber eine Anleitung zum Umbau auf Mode 1 ist dabei. Ich persönlich fliege aber lieber Mode 2, weil die Belegung des rechten Knüppels dann der eines echten Hubschraubersteuerknüppels entspricht. Mir persönlich erscheint die Steuerung damit einfacher, aber das ist Geschmackssache. Fünf LEDs zeigen die Batteriespannung an, der Quarz (40 MHz) ist natürlich austauschbar. Vier Servo-Reverse Schalter für die vier Steuerkanäle befinden sich ebenfalls auf der Vorderseite. Hinten gibt es noch die Anschlußbuchse an den PC für das Simulatorkabel. Oben rechts scheint sich noch ein Schalter für einen fünften Kanal zu geben, der aber in dieser Konfiguration nicht genutzt wird. Insgesamt also eine recht erfreuliche Anlage die, das möchte ich vorwegnehmen, eine recht feinfühlige Steuerung möglich macht. Abstriche in der Fertigungsqualität muss man trotzdem machen: bei meiner Fernsteuerung schließt das Batteriefach nicht fest genug und das obere Segment der Antenne hatte ich auch schon in der Hand.

Herzstück des gesamten Hubschraubers ist die sogenannte "4in1" Einheit, die im Cockpit untergebracht ist. Sie vereinigt die Funktionen von Empfänger, 2 Geschwindigkeitsreglern und einem Kreisel in einem einzigen Baustein. Die 4in1 ist über zwei Potis einstellbar, aber davon sollte man als Anfänger erst einmal die Finger lassen. Wichtig ist, das man erst den Sender einschaltet, bevor man den Akku in die 4in1 einsteckt. Dieses Verfahren gilt zwar für alle ferngesteuerten Modelle, aber hier ist es besonders wichtig. Die 4in1 initialisiert sich nämlich mit dem Signal des Senders. Sie blinkt erst kurz rot, dann grün. Leuchtet die grüne LED dauerhaft, so kann es los gehen. Andere Lichtsignale bedeuten Störungen.

Die beiden gegenläufigen Rotoren werden jeweils von einem eigenen, sorgfältig entstörten Motor angetrieben. Die Geschwindigkeit zueinander wird von der 4in1 so geregelt, daß sich der Hubschrauber im Idealfall nicht um seine eigenen Achse dreht. Ein Piezo-Kreiselsystem hilft das Ganze zu stabilisieren. Der obere Rotor liegt recht hoch und hat nur zwei Funktionen: Auftrieb erzeugen und stabilisieren. Dafür ist er mit einer Stabistange ausgerüstet. Der untere Rotor steuert das Modell über eine Taumelscheibe, die über zwei Servos gesteuert wird (gemischt wird in der 4in1). Dieser Aufbau sorgt dafür, daß Koax-Helikopter so stabil fliegen, sich dafür aber nur recht träge steuern lassen. Gut für Anfänger, etwas langweilig für Profis.

Daß der Lama V3 gut fliegt, kann man sich in unzählichen Filmchen bei YouTube anschauen, wo Leute ihre ersten Versuche, Crashs und andere Kapriolen publik machen. Es gibt eine Menge Leute, die diese Hubschrauber nur als netten Gag sehen und danach nicht den nächsten Schritt gehen, nämlich den zum "richtigen" Modellhubschrauber mit Heckrotor. Ich wollte die Sache anders angehen. Lustige Kapriolen und hektische Manöver sind nicht mein Ding. Ich wollte von Anfang an möglichst präzise steuern lernen. Nach laden des allerersten Akkus ging ich deshalb in die Firmentiefgarage zum üben und nicht ins heimische Wohnzimmer. Hier fuhr ich erst einmal langsam die Rotoren hoch bis das Modell fast schwebte. Tendenzen zum Ausbrechen wurden mit der Trimmung am Sender kompensiert. Da das Modell bereits ab Werk zumindest rudimentär eingeflogen wird, war dies auch problemlos möglich. Dann übte ich stundenlang das Schweben in etwa 10 cm Höhe. Da sich das Modell hier noch im Bodeneffekt befindet (der abwärts gerichtete Luftstrom trifft auf den Boden und erzeugt Verwirbelungen) kommt es besonders auf eine präzise Steuerung an um den Hubschrauber möglichst ruhig zu halten. Natürlich ist dies alles bei einem Modell mit 34cm Rotordurchmesser nur in Maßen möglich, dafür ist das Modell einfach zu klein und leicht, jedoch ist das Schweben im Bodeneffekt eine gute Schule. Nachdem ich so einige Akkuladungen geübt hatte brachte ich das Modell auch ca. 50cm Höhe. Hier lag es natürlich viel ruhiger und ich verlagerte den Trainingsort ins heimische Wohnzimmer. Ich bemerkte, daß der Hubschrauber Anfangs nach links gierte und im Laufe des Flugs so stark nach rechts, daß es mit der Trimmung nicht mehr zu fangen war. Das liegt an der Erwärmung des Kreisels. Später werde ich versuchen das Ganze mit der Trimmung an der 4in1 etwas zu entschärfen, aber vorerst ist auch dieser Effekt eine gute Schule, die präzises Steuern erfordert. Auch ich wurde zunächst Opfer des "Gummiball-Effekts". Der Helikopter reagiert sehr empfindlich auf Änderung des Schubhebels. Man neigt anfangs dazu den Schub zu übersteuern, was dazu führt daß der Hubschrauber schnell in der Luft auf und ab hüpft, bevor man ihn mit dem Schubhebel ausgependelt hat. Der Flug kann dabei durchaus an der Decke oder auf dem Fußboden enden... Sehr wichtig zu beachten ist, daß man den Schub sofort auf null herunternimmt, sobald Kollisionsgefahr für den Rotor mit Stuhlbeinen o.Ä. besteht. Damit verhindert man nicht nur ein Durchbrennen der elektrischen Komponenten, sondern schont auch die Rotorblätter.

Nachdem ich das Schweben gründlich trainiert hatte versuchte ich mich an einfachen Manövern. Dabei startete ich z.B. vom Boden und schwebte seitwärts auf den Wohnzimmertisch. Alles möglichst vorbildgetreu und ohne Hektik. Der eine oder andere Absturz bleib dabei nicht aus. Jedoch ist der Hubschrauber so robust, daß ich bislang nur ein Rotorblatt austauschen musste. Danach folgten einfache Rundflüge durch das Wohnzimmer, immer noch mit dem Heck zu mir gerichtet. Die Flugzeit liegt dabei pro Akkuladung ca. 15 Minuten. Danach brauchen Modell und Pilot eine Pause, da man wirklich 15 Minuten am Stück hoch konzentriert sein muss. Die Motoren werden dabei warm, aber man kann sie immer noch anfassen.

Noch während ich diesen Bericht verfasste ist mir der erste wirklich heftige Absturz passiert. Ich übte gerade das Schweben und Manövrieren im 90 Grad Winkel zu mir (also Nase links). Der Trick dabei ist, daß man mit der Steuerung ebenfalls umdenken muss. Das sollte in Fleisch und Blut übergehen und instinktiv passieren. Leider kam ich der Wand zu nahe und verhaspelte mich in der Hektik mit den Steuerbefehlen. Bevor der Hubschrauber in der Wand einschlug, stoppte ich die Rotoren und ließ ihn abstürzen. Das passierte aus 1,80 Metern Höhe genau in den Lego-Eimer meines Sohnes. Das Heck, vorher schon angeknackst, überlebte den Absturz nicht. Leider war das Original-Heck nicht gleich lieferbar, so daß ich ein Heck einer Lama V6 in dezentem Schwarz kaufte. Dieses passte zwar nur nach umfangreichen Anpassungsarbeiten, dafür ist der Kunststoff aber deutlich flexibler! Nachdem das Heck ausgetauscht war flog der Hubschrauber wieder wie am ersten Tag!

Mittlerweile fliege ich meine Lama schon eine ganze Weile. Neue Rotorblätter habe ich keine mehr gebraucht. Bei sehr ruhigem Wetter fliege ich auch im Garten. Jedoch ist auch dieser nicht allzu groß, so daß man keine großen Runden fliegen kann. Das Modell macht immer noch Spaß und Verschleißerscheinungen gibt es keine. 

Nach vielen, vielen Flügen habe ich das Modell dann in den vorläufigen Ruhestand versetzt. Momentan hängt es in meinem Modellbauraum von der Decke. Reaktivierung ist möglich, aber ungewiss.

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