VW Golf II 1,8 GT -Fire and Ice-

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Ein Golf II als Oldtimer? Das ist doch nur ein alter Gebrauchtwagen! Und wieso Abenteuer? Und überhaupt, was soll das denn alles...?! Diese Fragen und wie wir zu unserem Schmuckstück gekommen sind, beantworte ich in diesem Beitrag.

Mehrere Jahre habe ich für die Fahrt zu meinem Arbeitsplatz in Bonn die öffentlichen Verkehrsmittel genommen. Dazu passt, dass mir mein Arbeitgeber netterweise die Möglichkeit eines Jobtickets zur Verfügung stellt. Am Anfang lief es auch wirklich gut. Doch dann wurde der Service zunehmend schlechter. Ich will hier nicht lange herumjammern, aber in den letzten Monaten musste man froh sein, wenn man überhaupt noch ins Büro kam. Der Höhepunkt war erreicht, als in den kompletten Herbstferien meine morgendliche Bahn einfach gestrichen wurde - ohne Angabe von Gründen und ohne Ersatz. Als wir dann noch umgezogen sind und die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel etwas schwieriger wurde, hatte ich die Schnauze gestrichen voll - es musste wieder ein Zweitwagen her! Das nicht mehr vernünftig nutzbare Jobticket (und SO will man das Klima retten...?!) habe ich zum Ende des Jahres zurückgegeben.

Doch woher nun ein günstiges Fahrzeug bekommen? Nunja es ist ja so, dass es einen riesigen Gebrauchtmarkt gibt, aber für unser limitiertes Budget ist die Gefahr groß, dass man sich eine "Zitrone" kauft. Aber da kam uns mal wieder "Kollege Zufall" zur Hilfe. Meine Schwiegermutter hatte gerade beschlossen mit 80 Jahren das Autofahren aufzugeben. Das finde ich sehr vernünftig. Ihr Auto wollte sie aber erst einmal behalten, obwohl es schon längere Zeit unbenutzt in der Garage stand. Es handelt sich um einen Golf II GT, Sondermodell "Fire and Ice", der sich schon seit sagenhaften 29 Jahren in Familienbesitz befindet. Das Auto wurde gut gepflegt, selten gefahren und stand überwiegend in einer Garage. Um das gute Stück mal wieder zu bewegen, bekam ich den Golf erst einmal geliehen, um damit zur Arbeit zu kommen. Tja, und was soll ich lange erzählen - ich war so angetan, dass ich meine Schwiegermutter recht schnell überzeugen konnte mir das Auto für einen guten Preis zu verkaufen. 

Angaben zum Fahrzeug:
VW Golf II 1,8 GT, Sondermodell "Fire and Ice"
Farbe: violett Effektlack
Erstzulassung: November 1990
Kilometerstand: 155.000
Hubraum: 1781 ccm
Leistung: 66 kW (90 PS) bei 5250 U/min
Eingetragene Vmax: 175 km/h
L: 3,99m B: 1,67m H: 1,42m
G-Kat, Schadstoffarm
Anhängelast: 470 / 1200 kg
Reifen: 185/65 R 15
Die Ausstattung des Sondermodells "Fire and Ice": Effektlack in violett, Optik und Fahrwerk teilweise vom Golf GTI, "Fire and Ice" Embleme am und im Fahrzeug, große Logos an den C-Säulen, violett-blaue Sitzbezüge und Innenverkleidungen, Sportlenkrad, Sportsitze, lackierte Stoßfänger und Außenspiegel, Leichtmetallfelgen "Estoril" in 15-Zoll, Doppelscheinwerfergrill, Wärmeschutzverglasung, weiße Blinkergläser vorne, dunkle Blinkergläser hinten

Schauen wir uns kurz die Historie des Golf II an. Viel möchte ich dazu nicht sagen, da jeder das Fahrzeug sicher noch gut kennt. Er wurde 1983 als Nachfolger des enorm erfolgreichen Golf I eingeführt und bis zur Ablösung durch den Golf III im Jahr 1992 gebaut. Er wurde 6,3 Millionen mal produziert, was auch dazu beiträgt, dass er nicht bewusst als Oldtimer wahrgenommen wird. Da dies bereits mein viertes Auto auf Golf-Basis ist (vorher Jetta I, Golf I, Golf II), kenne ich mich damit ein wenig aus. Den Golf gab es in vielen Ausstattungsvarianten und Motorisierungen, vom kleinen 55 PS Golf bis zum mächtigen Golf G60 mit satten 210 Pferden. Es wäre sinnlos hier auf die vielen Varianten einzugehen - nur so viel: mit dem Golf "Match" führte VW ab 1985 die Sondermodelle ein, die den Verkauf noch einmal ankurbeln sollten und beim Publikum auch gut ankamen. Unter "10 Millionen", "Manhattan", "Country" und "Madison" war nun auch ab 1990 der "Fire and Ice", der zum Kinostart des gleichnamigen Films von Willy Bogner herausgebracht wurde. Unter "Kennern" gilt der Golf "Fire and Ice" als eins der schönsten Sondermodelle und ist heute besonders begehrt. Wie viele gebaut wurden, lässt sich nur schlecht recherchieren. Zahlen zwischen 8 und 16 Tausend machen die Runde. Als sicher gilt jedoch, dass VW aufgrund der großen Nachfrage noch einmal eine Charge nachlegte, als die erste Produktion ausverkauft war. AutoBild klassic widmete dem Fire and Ice gar zwei Artikel und nannte ihn "gefragtes Sondermodell" und "Klassiker des Tages".

Kommen wir nun zu meinem Schmuckstück. Es handelt sich um einen originalen Fire and Ice mit der kleinsten Motorisierung - immerhin 90 PS aus satten 1,8 Litern Hubraum. Er wurde 1990 von einem VW-Werksangehörigen gekauft und nach ca. einem halben Jahr (wahrscheinlich mit Gewinn, wie damals üblich) an den Bruder meiner Schwägerin verkauft. Dieser fuhr ihn allerdings nicht lange, denn ein Traktor fuhr kurz darauf im stehenden Verkehr dem Auto ins Heck und verursachte fast einen wirtschaftlichen Totalschaden. Hier übernahm mein Schwager das Auto, ließ ihn in einer Werkstatt komplett reparieren und fuhr ihn mehrere Jahre lang, bis meine Schwiegermutter das Auto bekam. So ist die Historie lückenlos belegt und nachvollziehbar. Da es doch tatsächlich Leute gibt, die dieses Sondermodell aus gewöhnlichen Golfs nachbauen, kann ich mit fug und recht behaupten, dass meiner ein Original ist. Positiv ist festzustellen, dass der Golf nie "verbastelt" wurde. Das bedeutet er bekam keinen dicken Auspuff, keinen Spoiler oder ein Lederlenkrad, so wie das früher üblich war. Nein, er verblieb weitestgehend im Originalzustand. Natürlich trägt er einige Blessuren eines immerhin fast 30-jährigen Autolebens, aber insgesamt ist er wirklich noch gut in Schuss - sowohl technisch als auch optisch. Deshalb reifte in mir schon bald der Entschluss den Versuch zu starten, ihn im Dezember als Oldtimer zuzulassen.

So, und nun sehe ich schon einige Leser mit der Stirn runzeln: ein Golf II als Oldtimer, was soll das denn...?! Das klappt doch nie...! Doch doch, das funktioniert. Geht doch mal ganz tief in euch und überlegt genau, wann ihr das letzte mal bewusst einen Golf II im Straßenverkehr gesehen habt. Spontan möchte man sagen "ja heute morgen" - stimmt aber sicher nicht. Fakt ist, dass der Golf II im Straßenverkehr sehr selten geworden ist. Dass man das bewusst nicht wahrnimmt liegt u.A. daran, dass er einem noch so allgegenwärtig ist. Nach einem Golf II würde sich doch keiner umdrehen. Und doch ist er in die Jahre gekommen und schon deutlich über 30 Jahre alt. Und ja: es gibt Golf II mit H-Zulassung, habe ich schon selber gesehen. Interessante Tatsache hierzu: angeblich sind in Deutschland noch mehr VW Käfer zugelassen als Golf II. Und niemand würde ernsthaft behaupten, dass der Käfer kein Klassiker sei! Ja, in den 70er Jahren hätte das auch keiner geglaubt, und doch ist es so gekommen. Und da es sich bei meinem Golf noch um ein "Sondermodell mit Sammlerwert" handelt, rechne ich mir schon Chancen auf eine H-Zulassung aus. Was habe ich davon? Nun, abgesehen von der Genugtuung ein Stück "schützenswerte Automobile Geschichte" zu fahren, hat das Ganze steuerliche und versicherungstechnische Vorteile. Und ausserdem hat man hier die Chance, einen voll alltagstauglichen Oldtimer zu fahren. Ob der Plan letztendlich funktioniert, könnt ihr dann hier mitverfolgen.

Wiederherstellung des Originalzustands:
obwohl ich ja erwähnte, dass der Golf in einem unverbastelten Originalzustand ist, gibt es trotzdem ein paar Dinge zu tun. Im Laufe von 30 Jahren  sind ein paar Kleinigkeiten geändert worden oder abhanden gekommen, über man sich damals keine Gedanken gemacht hat. Laut Aussage eines TÜV-Gutachters sollte der Golf für die H-Zulassung im Zustand 2, besser 2+ sein. Das ist zwar nicht außer Reichweite, aber davon ist er noch etwas entfernt.

So fehlten an den C-Säulen die markanten "Fire and Ice" Aufkleber, die das Sondermodell gerade von außen so auszeichnen. Die Aufkleber wurden damals entfernt, da das Auto ja nach dem Heckschaden teillackiert werden musste. Mein Schwager hat die Aufkleber zwar nach der Reparatur mitbekommen, um sie nach Aushärtung des Lacks wieder anzubringen, aber er hat dies nie getan. Im Laufe der Jahre sind die Aufkleber dann verloren gegangen. Bei eBay konnte ich noch einen Satz Aufkleber für satte 50,- Euro ergattern. Ich sollte schon bald erkennen, dass die Preise gerade für "Fire and Ice"-spezifische Teile bereits stark anziehen. Mit der Optik bin ich sehr zufrieden, obwohl ich immer noch nicht weiß, ob es sich um originale- oder Reproaufkleber handelt.

Wie damals so üblich würde auch hier ein "ordentliches" Autoradio nachgerüstet, in diesem Falle von der Marke Sony. Dafür wurden selbstverständlich auch riesige Löcher in die Hutablage geschnitten, um die passenden Lautsprecher unterzubringen. Tja, das Radio hat die Zeit nicht gut überlebt: das Kassettenteil ist defekt und das Display nicht mehr lesbar. Die Boxen geben auch nur noch einseitig quäkende Töne von sich, sofern man überhaupt die Lautstärke eingestellt bekommt. Also nichts wie raus mit dem ganzen Geraffel, zumal die Elektrik ebenfalls recht abenteuerlich zusammengestrickt war. Ich konnte für nur 15,- Euro ein originales VW Autoradio "Alpha" ergattern, das hervorragend in die Produktionszeit des Golfs passt. Die Lautsprecher habe ich mittels passender Blenden in den dafür vorgesehenen Einbauorten in den Türen verbaut und das Ganze vernünftig angeschlossen. Nun höre ich Radio im "Retro-Style"... Die Löcher in der Hutablage habe ich mittels schwarz lackierter Sperrholzbrettchen verschlossen. Originale, ungelochte Hutablagen werden leider fast in Gold aufgewogen. 

Die Handbremsabdeckung war irgendwie verloren gegangen, man blickte auf das nackte Metallgestänge. Das konnte natürlich keinesfalls so bleiben. Ersatz gab es vom Gebrauchtteilehändler über eBay. Die Abdeckung wird dann einfach nur aufgesteckt. Nervig war nur die Teilenummer, die mit einem Silber-Edding auf die Abdeckung gekritzelt worden war und fast nicht wieder abging. Etwas Mitdenken wäre hier schön gewesen...

Am rechten Aussenspiegel fehlte ein kleines Stück - Andenken an einen Kontakt mit dem Garagentor. Normalerweise kaum einer Reparatur wert, aber für eine mögliche H-Zulassung wichtig! Das Problem: das Original ist in Wagenfarbe lackiert. Eine Farbe, die kaum noch ein Lackierer richtig anmischen kann... Aus diesem Grund sind "Fire and Ice" Rückspiegel nicht zu bekommen. So habe ich kurzerhand einen schwarzen Rückspiegel eingebaut. Da der Lack in der Regel ohnehin recht dunkel ausschaut, fällt das so gut wie nicht auf. Ob das ein Problem bei der H-Zulassung werden kann, wird man sehen.

Der Golf im Alltag:
Wie schon öfters erwähnt ist der Golf tatsächlich ein Oldtimer, der voll alltagstauglich ist. Das liegt einfach daran, dass er schon ein gut ausgereiftes Vorgängermodell hatte und zudem während seiner Bauzeit ständig verbessert wurde. So gelten die Golf II der späten Baujahre als robust, ausgereift und einigermaßen rostfest. Der sogenannte "RP-Motor" mit 1,8 Litern Hubraum und 90PS gilt unter Insidern als "unzerstörbar", was immer man darunter verstehen mag. Laufleistungen von 300.000 Kilometern sind jedenfalls dokumentiert. Ersatzteile sind noch überall jederzeit verfügbar, vor allem auf dem Gebrauchtteilemarkt. Spezifische Teile der Sondermodelle werden jedoch schon deutlich teurer. Der Golf II ist ein Auto, an dem man noch relativ viel selbst reparieren kann. Der Motor ist gut zugänglich, die Karosserie und der Innenraum übersichtlich. Obwohl schon mit Einspritzung ausgestattet, hält sich komplizierte Elektronik in Grenzen. Völlig undurchsichtig ist das momentane Preisgefüge für gebrauchte Golf II. Während manche ihren alten Golf für wenige hundert Euro einfach nur loswerden wollen, verlangen andere für gut erhaltene Exemplare schon mehrere Tausend. Die Tendenz zeigt jedenfalls eindeutig nach oben, vor allem da wirklich gute Exemplare rar geworden sind. Aber wie fährt er sich denn nun...?! Ja, der Golf kann sein Alter natürlich nicht verleugnen... Dreißig Jahre sind in der Autoentwicklung eine lange Zeit. Das merkt man z.B. am Innenraumgeräuschpegel. Da ist nicht sonderlich viel Dämmung drin. Der Motor klingt kernig, die Windgeräusche sind deftig, vom Abrollgeräusch der Reifen wollen wir mal nicht reden. Aber das war früher halt so und ich persönlich kann damit ganz gut leben. Etwas unschön sind natürlich die völlig fehlenden Sicherheitseinrichtungen. ABS, ESP, Airbags, Gurtstraffer...? Fehlanzeige! Dreipunktgurte und ein "Sicherheitslenkrad" müssen ausreichen. Ansonsten fährt sich der Golf wirklich gut. Die Sportsitze sind immer noch recht bequem und bieten einen guten Halt, die Lenkkräfte der breiten Reifen halten sich dank Servolenkung in Grenzen und die Übersichtlichkeit ist hervorragend. Keine piepsende Einparkhilfe? Kein Problem! Die gegenüber dem Vorgänger abgerundete, aber immer noch recht kantige Karosserie lässt sich wunderbar überblicken. Dazu hilft zudem, dass der Golf für heutige Verhältnisse fast schon ein kleines Auto ist. Und da ist natürlich noch die Frage nach den Fahrleistungen. Unter den "sportlichen" Golffahrern gilt natürlich der GTI als das Maß aller Dinge. Der 90PS GT wird meist etwas "abgetan". Meiner Meinung nach völlig zu Unrecht! Der 90PS Motor hat genau die richtige Mischung aus Kraft, Drehmoment und Zuverlässigkeit. Auch für heutige Verhältnisse ist man mit dem GT nicht untermotorisiert. Es stimmt schon, dass einem sogar kleinere Fahrzeuge mit Turbodiesel wegfahren, aber im Sprint kann der Golf durchaus noch mithalten. Er ist nämlich recht leicht. So muss jedes Pferd etwa 10 Kilo schleppen. Bei meinem Qashqai sind es schon 14 Kilo, und ich würde auch dieses Auto nicht als lahm bezeichnen. Wie dem auch sei, meiner Meinung nach ist der 1,8Liter 90PS Motor im Golf II genug, um auch etwas Spaß am Fahren zu haben. Nicht mehr zeitgemäß ist der Verbrauch von fast 10 Litern, aber auch das war in den 80ern "normal".

Reparaturen und kleinere Veränderungen:
neben der Rückführing des Golfs in einen möglichst guten Originalzustand gibt es natürlich auch Reparatur- und Wartungsarbeiten durchzuführen.

Den Golf II GT gab es nur mit dem 90PS Motor. Mein Golf jedoch basiert als Sondermodell eigentlich auf dem CL Modell, aber mit der kompletten Optik des GTI. Ja, das finde ich selber verwirrend, aber egal! Ich dachte mir, dass meinem Golf so irgendwie ein kleines sportliches optisches "Etwas" fehlt. Deshalb habe ich für mich beschlossen, dass mein Golf ein Golf II GT "Fire and Ice" ist. Das mag man etwas belächeln, aber meine Jungs und ich finden das gut... :-) Aus diesem Grund habe ich mir nach einer Vorlage auf "thingiverse.com" mit meinem 3D-Drucker aus Kunststoff zwei GT-Empleme angefertigt. Diese wurden dann lackiert und am Grill, sowie am Heck befestigt. Sie sehen sehr original aus und bis jetzt ist noch niemandem aufgefallen, dass sie eigentlich gar nicht da hin gehören...Für die H-Zulassung werde ich sie dann wohl wieder entfernen müssen, aber solange habe ich wenigstens meinen Spaß gehabt!

Obwohl der Wagen so lange in Familienbesitz ist, konnte mir niemand sagen wann der Zahnriemen zuletzt gewechselt wurde. Bei VW Motoren aus den frühen 90ern ist der regelmäßige Austausch des Riemens aber für das Überleben des Motors essenziell. Klar war nur, dass er seit mindestens zehn Jahren im Fahrzeug war. Also habe ich als erstes einen neuen Zahnriemen einbauen lassen. Und weil man schon dabei war, wurden auch gleich alle Keilriemen gewechselt. Jetzt bin ich in der Hinsicht erst einmal eine Weile vor Schäden sicher!

...wird fortgesetzt... 

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